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Der Kanzler, ›Hat ieman sin so snellen‹ (C 16 17) Lied zurückLied vorDruckerTEI Icon

Kommentar

Überlieferung: Die beiden Strophen sind in C und als Mittel- und Schlussstrophe eines Dreierbars in der ›Basler Meisterliederhandschrift‹ b (b Kanz/GolT 1–3) überliefert.

Form: .3-a .4b .3-a .4c .3d / .3-e .4b .3-e .4c .3d // .4f .3-g / .4f .3-g / .3-h .4i .3-h .4i .3i., Tonkommentar.

Das Reimschema zu C I lautet davon abweichend: a b a b c / d e d e c // f g / f g / h x h i i. Der e-Reim im zweiten Stollen von C II ist gestört. Teilweise ist die regelmäßige Alternanz unterbrochen, so etwa in C I,16 u. 19; C II,2. Insgesamt scheint es dem Schreiber von C schwergefallen zu sein, den Text der Vorlage mit dem Tonschema in Einklang zu bringen. Die Reimpunkte wirken v. a. in Str. I, aber auch am Anfang von Str. II beinahe zufällig gesetzt; die Verseinteilung klären stattdessen zusätzlich (wohl von späterer Hand) eingefügte Schrägstriche (vgl. dazu Runow, S. 94).

Inhalt: Der Sang­spruch informiert über die Beschaffenheit des Himmels und die Auswirkungen der Himmelskörper auf die Erde; er greift dabei die Terminologie und die Wissenshorizonte gelehrter astronomischer Diskurse auf. Jedoch ist der Wortlaut beider Handschriften zumindestens in Teilen ein »unverständlicher und dysfunktionaler« (Runow, S. 94), was dazu geführt hat, dass sich bisherige Editionen überwiegend des teils sehr stark gebesserten Mischtextes, wie ihn Siebert, S. 12f., rekonstruiert hat, bedient haben (vgl. dazu Runow, S. 92–94). Die hier vorliegende Neudition beschränkt sich dagegen auf Korrekturen eindeutiger Verschreibungen und sprachlicher Fehler, also auf solche Eingriffe, die notwendig sind, um den Inhalt des Textes überhaupt nachvollziehbar zu machen. Dieser lässt sich folgendermaßen rekapitulieren: C I gilt der Deutung (vgl. das Verb tu̍ten in C I,2 und wohl auch C I,11) der Himmelssphären. Ausgehend vom Erdmittelpunkt (C I,2; b II,2 wahrscheinlich: eccentricos) schreitet der Sprecher in seiner Erläuterung über die paralellen (C I,3), »gemeint sind der Äquator, Sommer- und Wintersonnenwendlinie, nördlicher und südlicher Polarkreis« (Runow, S. 92), und die beiden orienten (C I,4; b II,4: orizonten), die »Punkte für den Sonnenaufgang« (Krieger, S. 82) bis zum Äther fort, der als unveränderlich gilt – was sich daran zeige, dass auch der Mond wandelunge ane (C I,8) sei (dazu Siebert, S. 5). Anschließend benennt er jene Sphären, die einen als dreigeteilt gedachten Himmel ausmachen: den himel luftgenos (C I,9; b II,9 dagegen bringt den Begriff oberhimel, dazu Siebert, S. 6), den Kristallhimmel (C/b I,10) und den polus enpireus (C I,13). Diese Aufteilung des Himmels »beruht wohl auf einer im 13. Jahrhundert sich festigenden und verbreitenden Auffassung von drei Himmelssphären über den Planeten, nämlich 1. Fixsternhimmel (Firmament), 2. darüber liegender Kristallhimmel und 3. alles umschließendes caelum enpireus« (Runow, S. 92, ausführlicher zu diesem Modell Siebert, S. 5–8). Kurz angespielt wird in diesem Zusammenhang auch auf Zodiakus und die zwölf Tierkreiszeichen (C und b I,11f.): »zodiacus hält zwölffältig oder zwölffach die Sonne, weil er sie auf ihrem Jahreswege zwölfmal je einen Monat in einem seiner zwölf Zeichen beherbergt« (Siebert, S. 7). Zurückzuführen seien alle diese Phänomene, alle weltliche Schöpfung überhaupt, auf du̍ erste sache (C I,15), also auf Gott selbst als Ursprung. Der in den Schlussversen der Strophe erwähnte erste ring (C I,19) ist nicht eindeutig zu bestimmen; da er als beweglich charakterisiert ist (vgl. C I,18), könnte er auf das primum mobile abzielen, das etwa im astronomischen Lehrbuch Sacroboscos als oberste Himmelssphäre gedacht wird (dazu ebd., S. 8f.). Jedoch: »Wenn der Kanzler zwar die Sphäre des primum mobile als oberste bezeichnet, aber auch polus enpireus nennt, so hat er sich anscheinend kein klares Bild von der Reihenfolge der obersten Sphären gemacht« (ebd., S. 9) – die poetische Ausgestaltung des Themas durch den Kanzler lässt sich folglich nicht eins zu eins auf die astronomischen Diskurse der Zeit zurückbeziehen.

C II widmet sich sodann Phänomenen der Beeinflussung der Erde durch die Himmelskörper und durch die Elemente. Auch hier begibt sich der Sprecher in die Rolle des Belehrenden, der kompetent genug ist (vgl. C II,10), das von der schrift (C II,5) bereitgestellte Wissen über die planeten kraft (C II,9) weiterzuvermitteln. Er informiert im ersten Stollen darüber, »daß die Erde in der Mitte des Weltganzen ruht, der oberste Himmel aber [...] sich um diesen Mittelpunkt dreht« (Siebert, S. 10). Die Hitze der Sonne und die Kälte des Mondes würden sich als ebenso produktiv wie Regen und Wind erweisen; die sternen kraft (C II,11) sorge für die Fruchtbarkeit der Vegetation. Die vier Elemente (C II,16 bzw. b III,11) bzw. deren Mischung (ruͤrent, C II,15 bzw. b III,10) schließlich ermögliche allererst die Existenz vielgestaltiger lebendig geschepfde (C II,18).

Stephanie Seidl

 C Kanz 16 = KLD 28 II 10; RSM ¹Kanzl/210-11aZitieren
Digitalisat
Große Heidelberger Liederhandschrift, Codex Manesse (Heidelberg, UB, cpg 848), fol. 424vb
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 C Kanz 17 = KLD 28 II 11; RSM ¹Kanzl/210-11aZitieren
Digitalisat
Große Heidelberger Liederhandschrift, Codex Manesse (Heidelberg, UB, cpg 848), fol. 425ra
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