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›Wer nun verholnen minnen phliget‹ (P₁ Namenl 4) DruckerTEI Icon

Kommentar

Überlieferung: drei­strophig in C, die erste Strophe außerdem namenlos in P₁ als vierte Strophe eines größtenteils anonymen Korpus relativ beliebig zusammengewürfelter Minne­stro­phen. Unmittelbar davor steht allerdings eine thematisch verwandte, nämlich Tageliedstrophe (die erste aus des Marners Lied III). Die Rubrik her morung, die der ersten Korpusstrophe vorsteht, hat zur Aufnahme dieser ersten Strophe als Einzelstrophe in ›Minnesangs Frühling‹ (MF/MT 147,17) geführt. Ob sie auch für die drei folgenden Strophen gilt, ist auf Basis von fol. 234r nicht sicher zu sagen, doch wird im Register fol. 14v deutlich, dass damit nur Strophe 1 gemeint ist. Nach unten zu ist unsere Strophe mit einer neuen Rubrik, die das Folgende als Neidhart-Lied ausgibt (konkret: SNE I B 64), abgegrenzt.

Form: Kanzone. Metrisches Schema nach C:

.4a .4b .3-c / .4a .4b .3-c // .5d .4d .4e .3-x .4e

Alle Verse haben Auftakt, es regiert regelmäßige Alternation (mit manc, II,8; gên/gein, III,10). Es überwiegen vierhebige Verse (mit klingenden Kadenzen in V. 3, 6, 10), was – aus Gründen der Symmetrie – die Annahme einer Waisenterzine in V. 9–10 nahe legt. Nur V. 7, der auch syntaktisch abgekapselt ist, erscheint mit fünf Hebungen überlang, wodurch die Grenze zwischen Auf- und Abgesang klar markiert ist.

In P₁ ist die Form (auch abgesehen vom Fehlvers) wesentlich weniger achtsam behandelt als in C, vor allem die Regelmäßigkeit der Alternation ist streckenweise aufgegeben.

Inhalt: Tagelied. Ein Wächter warnt die heimlich Liebenden, dass, wenn ihnen ihr Leben lieb ist, die Zeit des Abschieds (sprich: der Morgen) gekommen sei (I; bis hierher P₁). Die Frau klagt darüber (II), wird aber, ehe der Mann Abschied nimmt, in ihrem Leid von ihm getröstet (III). Charakteristisch für das C-Lied ist zum einen der hohe Anteil direkter Rede wechselnder Figureninstanzen (I: Wächter, II: Frau, III: Mann), zum anderen, dass jede Strophe dieselbe inhaltliche Bewegung von Warnung/Klage/Trauer zu Umarmung und/oder Kuss (bzw. der Aufforderung dazu) vollführt. Beides trägt zum Eindruck eines planvollen Aufbaus bei, das Achtergewicht auf Kuss und Umarmung gibt dem Lied eine heitere Grundstimmung.

Auffällig ist der verallgemeinernde Liedeingang (swer, I,1. 5): Indem dieser zuerst wie eine implizite Anrede aller heimlich Liebenden (des Publikums?) wirkt und dann erst nach und nach (beginnend mit si beide, I,6 – doch auch dies könnten noch ganz allgemein irgendwelche ›zwei Liebende‹ sein) konkret auf die Situation dieser beiden Liebenden aus den Strophen II und III bezogen wird, öffnet er einen rezeptionsästhetischen Raum, der ganz nahe am Liedgeschehen liegt. Die Einzelstrophe in P₁ scheint ganz auf diesen Effekt konzentriert. Das, je nach Perspektive, chauvinistische oder ironische Potential der raschen, harten Fugung von fester Treuebekundung und Abschied jenes Mannes (III,9–11), über dessen Trauer oder Klage das Lied nichts zu sagen weiß, mag hingegen nur modernen Augen sichtbar sein.

Intertext: »Das archaische heldes [III,4] zeigt die Macht der Tradition« (von Kraus, S. 579), wobei angesichts einer gewissen thematisch-konzeptuellen Nähe zu Wolframs Tagelied (MF/MT VII; vgl. von Kraus, ebd.) auch ein pointiertes Missverstehen dieser Tradition (konkret zu MF/MT IV,1: Der helden minne ir klage) nicht ganz auszuschließen ist.

Florian Kragl

 P₁ Namenl 4 = KLD 59 IX 1Zitieren
Digitalisat
Berner Hausbuch (Bern, Burgerbibl., Cod. 260), fol. 234rb
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