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Rudolf von Rotenburg, Ein hoher muͦt mich singen tuͦt
C Rotenb 3
C Rotenb 3= KLD 49 Leich III
A
A
A
A
B
B
C
C
C
B
B
D
D
D
B
B
D
D
D
B
B
E
E
E
B
B
F
F
B
B
F
F
B
B
G
G
G
G1
G2
G2

Kommentar

Überlieferung: unikal in C.

Form: Vgl. Leichschema.

Der Leich, dessen makrostruktureller Verlauf jenem von Leich I (bzw. II und VI) ähnelt – abermals liegt ein Estampie-Typ vor (Kuhn, S. 121f.) –, verfügt über einen luziden, gegen Ende zu pointierten Bau; auch im Detail scheinen Metrum und Reim weitgehend streng geregelt, Irritationen des Schemas begegnen, wenn man von den Schlussversen (G-Gruppen; dazu unten) absieht, nur vereinzelt (V. 28, 84, 86, 105; entsprechende KLD-Konjekturen sind nicht vermerkt).

Zentrales Gliederungsmoment sind die B-Doppelversikel, die dem Leich gleichsam den Rhythmus geben. Vorangestellt sind zwei A-Doppelversikel; danach folgt ein erster Großteil, der davon geprägt ist, dass die B-Doppelversikel jeweils Tripelversikel (C, zweimal D, E) um- oder abschließen (ab V. 12). Die vor bzw. zwischen den B-Partien verwendeten Versikel sind teils artverwandt: A ähnelt C, E lässt sich, sehr grob gesprochen, als Verquickung von D mit A oder C begreifen. Der zweite Großteil (ab V. 96) besteht aus einer Abwechslung von B- und F-Doppelversikeln; er ist insgesamt homogener insofern, als F eine Strukturvariation von B darstellt.

Die Schlusspartie (ab V. 124) geht ganz eigene Wege: Sie bringt paargereimte, meist vierhebige Kurzverse, die schon in den D-Gruppen, dort allerdings kreuzgereimt begegnet waren; auch die kurzversigen Versikel F und B, die den zweiten Großteil formieren, führen darauf hin. Charakteristisch für die Schlusspartie ist, dass das Prinzip der Leichkomposition zusehends aufgegeben wird: Dies betrifft nicht nur diese ›unlyrischen‹ paargereimten Kurzverse, sondern auch die teils schwache (G, G2), teils ganz verabschiedete (G1) Wiederholungsstruktur. Mit alledem korreliert die, vor dem Hintergrund der ersten beiden Großteile, auffällige Sorglosigkeit der metrischen Gestaltung, deren mikrostrukturelle Varianz von KLD – vielleicht zuunrecht – zurechtgestutzt wird: Auch dies könnte eine formale Pointe darstellen, die vom Verwirrspiel mit den Hebungen im E-Versikel vorweggenommen und vorbereitet würde.

Entsprechend schwer fällt es, diese Schlusspartie schematisch zu erfassen. Die G-Versikel ließen sich zu Einversversikeln splitten (wodurch aber die Parallelität mit G1 und G2 verwischt würde); genauso gut wäre es denkbar, die gesamte Schlusspartie zu einem einzigen, nicht wiederholten Großversikel zusammenzuziehen, wenn der Begriff ›Versikel‹ hier noch angemessen ist.

Inhalt: Minneleich der hohen Minne. Die Gedankenfolge entspricht grob der formalen Komposition, die Parallelen zu Leich I sind nicht zu übersehen: Während die B-Partien, in denen das Ich seine Geliebte direkt adressiert, hauptsächlich geprägt sind von Hoffen, Bitten und Bangen, regieren Frauenpreis und Dienstbekenntnis (hier die Geliebte in dritter Person) primär die vor- und zwischengeschalteten Versikelgruppen der Typen A, C und D; Spezifikum der D-Gruppen ist, dass Dienst (erste D-Gruppe) und Frauenpreis (zweite D-Gruppe) mit literarischen Anspielungen aus dem Feld der höfischen Epik unterfüttert werden.

Die E-Gruppe skizziert, ansatzweise im Modus der minnebiographischen Narration, die Verfallenheit des Ichs, die darauffolgende B-Gruppe die Macht der Geliebten über das Ich. Dies bereitet den zweiten Großteil vor, der sich an der Authentizität dieser Proposition abarbeitet (F-Gruppen) und die Dienstbereitschaft des Ichs für nur diese eine Geliebte festschreibt (B-Gruppen). Nach wie vor spricht das Ich in den B-Versikeln zur Geliebten, ansonsten über sie.

In der formal eigensinnigen Schlusspartie versteigt sich das Ich, ausgehend von einer Schönheitsbeschreibung, zu einer Kussphantasie, bricht diese dann aber final in seine gegenwärtige Minnerealität: Trennung, Verzweiflung, Leid.

Florian Kragl

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