Überlieferung: Im ›Reichston‹ sind in ABC je drei Spruchstrophen in unterschiedlicher Reihenfolge überliefert. BC gehen auf eine gemeinsame Vorlage zurück (Wilmanns, S. 20) und bilden eine Fassung; gegenüber A sind in BC, neben weiteren kleinen Varianten, die zweite und dritte Strophe vertauscht. In der in A dritten Strophe fehlen die ersten vier Verse (ohne Materialdefekt), sodass dort die zweite und dritte Strophe mit Ich horte beginnen. Der als chronologisch erachteten Reihenfolge nach A wird üblicherweise in Editionen und Forschung der Vorzug gegeben (so z. B. Heinzle; anders Wa/Bei; knapp diskutiert bei Kern, S. 356).
Der ›Reichston‹ gilt weithin als Walthers ältester Ton, obwohl einiges für die frühere Entstehung des ersten Philippstons spricht (vgl. Serfas, S. 84, Kern, S. 357), und war prägend für das Waltherbild nicht nur in der Forschung. Das Motiv des auf einem Stein sitzenden Sänger-Ichs der ersten Strophe inspirierte die Miniaturen in B und C (vgl. den Autorkommentar; zu den verschiedenen aufgerufenen Bildtopoi des Motivs vgl. Wenzel).
Form: .3-a .3-a .4b .4b .3-c .3-c .4d .4d .3-e .3-e .4f .4f .3-g .3-g .4h .4h .3-i .3-i .4j .4j .3-k .3-k .4l .4x .4l
25-versige Reimpaarstrophe mit abschließender Waisenterzine. Damit folgt die Strophenform noch den Formprinzipien der älteren Spruchdichtung und noch nicht der Kanzonenform (Brunner, S. 26). Die Nähe zum epischen Reimpaarvers lässt die Realisierung der weiblichen als zweisilbig-klingende Kadenzen vermuten. Dafür spricht weiterhin die Herstellung von Synaphie durch zweisilbig klingende Kadenz und die Zahlensymbolik der Vollkommenheit von 100 Hebungen pro Strophe (bei 25 Versen zu je vier Hebungen). Andere Editionen setzen eine 24-versige Strophe mit abschließendem Langvers an (z. B. Wa/Bei; so auch Brunner, S. 26); die 24 Verse sind als verdoppelte heilige Zahl zwölf deutbar (vgl. Scholz, S. 45). Die Dreizahl in Strophengliederung und Motivik wurde als Trinitätssymbolik gedeutet (vgl. hierzu knapp Schweikle, S. 337); die Dreizahl der Tonstrophen ließe sich hier anfügen.
Zwischen den Strophen bestehen thematische, strukturelle und motivische Bezüge. Das Thema des ordo und die Frage nach dem richtigen Leben verbindet alle Strophen. Maurer, S. 14f., fasst die drei Strophen als Beschäftigung mit den drei großen Ordnungen der mittelalterlichen Welt auf: die ethische Ordnung des menschlichen Lebens, die Ordnung des Reichs und die Ordnung der Kirche. Strukturanalogien der Strophen lassen sich in ihrem anaphorischen Eingang aus der Perspektive einer überblickenden Dichter-Rolle (Ich sas, Ich sach, Ich horte), in der Gliederung der Strophen in je drei Bilder und im abschließenden appellativen Kerngedanken ausmachen (vgl. Schweikle, S. 339; Kasten, S. 992; Kern, S. 351; Maurer, S. 15).
Obwohl nicht zu entscheiden ist, ob die Strophen als Einheit konzipiert wurden oder sich über die Zeit zu einer solchen entwickelten, sprechen die vielfältigen Bezüge zwischen den Strophen für die Edition der drei Tonstrophen als Strophenbar.
Datierung und Art der Strophenzusammengehörigkeit (gewöhnliche Tonstrophen, Bar oder Spruchlied) wurden in der Forschung kontrovers diskutiert, wobei die Strophen überwiegend auf den Zeitraum von 1198 bis 1201 datiert werden. Die Strophen entstanden wohl im historischen Kontext der Doppelwahl von Philipp von Schwaben und Otto IV. im März bzw. Juni 1198 nach dem Tod Heinrichs VI. 1197 (erstmals von Burdach, S. 43–48, 135–270, ausführlich erörtert, seitdem letztlich unumstritten), wofür die zweite und dritte Tonstrophe Anhaltspunkte bieten (s. dazu die Strophenkommentare). Anlass zu alternativen Datierungsvorschlägen waren v. a. die enge formale und thematische Parallelität der Strophen gegenüber ihrem relativ langen Entstehungszeitraum von mehreren Jahren. Maurer, S. 15, vertritt die weitgehend konsensuelle These einer ›gewachsenen Einheit‹ des Tons in zwei Phasen: Eine zweistrophige Einheit der in A ersten und zweiten Strophe sei 1198 entstanden und 1201 zur dreistrophigen Endfassung erweitert worden. Müller/Springeth, S. 238f. und Müller, S. 402f., sprechen sich für eine flexible Zusammenstellung der Strophen als Vortragsvarianten aus (daher auch die unterschiedlichen Reihenfolgen in A und BC und die unvollständige dritte Strophe in A), die innerhalb neuer historischer Umstände reaktualisiert werden konnten. Serfas schlägt die Spätdatierung aller drei Strophen zwischen dem Ende des Jahres 1204 und der ersten Jahreshälfte von 1205 zur Anbahnung der endgültigen Krönung Philipps vor, zu deren Anlass der ›Reichston‹ als dreistrophiges ›politisches Lied‹ aufgeführt worden sei. Kern datiert alle Strophen auf 1201 und priorisiert damit die Aktualität politischer Dichtung. Edwards hält an der Frühdatierung der ersten beiden Strophen fest, datiert jedoch die in A dritte Strophe auf 1205/1206.
Im Zusammenhang mit der Entstehungszeit der Strophen wird zuweilen die Frage nach dem Auftraggeber diskutiert (u. a. Nix, S. 38f. und Müller, S. 405f.: im Staufer Umfeld; Nellmann, S. 44–46: kein Auftraggeber). Eine umfassende Aufarbeitung der Forschungsgeschichte bietet die Monographie von Burkert.
Milena Müller