München BSB, Clm 4660

Benediktbeurer Handschrift (Codex Buranus)

An der südlichen Grenze des deutschen Sprachgebiets, im heutigen Südtirol, entstanden, um 1230. Benannt nach dem Fundort Benediktbeuern. Als Aufzeichnungsort der Handschrift ist am ehesten »ein Skriptorium der weltaufgeschlossenen Augustinerchorherren« vorstellbar, was Neustift bei Brixen wahrscheinlich macht (vgl. Steer, S. 35, Knapp, S. 134f.). Für das Kulturzentrum Trient argumentiert Drumbl, S. 354ff. Die Handschrift ist großformatig, illustriert und teilweise neumiert. Mit zwei Ausnahmen sind alle Lieder anonym überliefert. An der Anfertigung waren hauptsächlich die Schreiber h¹ und h², an der Neumierung h¹ sowie weitere Hände (n¹–n5) beteiligt. Die meisten Korrekturen stammen von k¹, der um 1300 die Handschrift nochmals prüfte. Genaueres zur Beschreibung der Handschrift und Hände bei CB/HS, II,1, S. 1*–96*, Knapp, S. 129–140. M ist eine Kompilation aus Versatzstücken kleinerer und größerer Sammlungen, keine Sammlung einzelner, kursierender Lieder. Bis zum frühen 14. Jh. wurden Nachträge zur Handschrift hinzugefügt (vgl. CB/V, S. 902ff.). Sie stellt die »früheste schriftliche Sammlung deutscher Liedstrophen« dar (Kuhn, S. 91). Diese bilden – mit Ausnahme der wenigen makaronischen Lieder – jeweils den Liedabschluss. M ist außerdem die größte Sammlung weltlicher Lyrik des lateinischen Mittelalters (vgl. CB/V, S. 906). 

Die ursprüngliche Blattfolge des Kodex wurde von Meyer wieder hergestellt. Die Sammlung gliedert sich in 1. moralisch-satirische Dichtungen, 2. Liebeslieder, 3. Trink- und Spielerlieder und 4. geistliche Spiele. Die Hauptabschnitte lassen sich mit Wachinger untergliedern in die Themenblöcke Lasterschelte (CB 1–13), Lehre für geistliche Fürsten (CB 14–40), politische Aktualisierung der Lehre (CB 41–55), Faszination und Gefahren der Liebe (CB 56–131), Liebeslieder aus deutschen Quellen (CB 132–186), Trink- und Spielerlieder (CB 187–226), geistliche Dramen. Zur weiteren Feingliederung siehe CB/V, S. 906–909. Die Sammlung wurde sekundär um die Lieder mit deutschen Strophen ergänzt, sodass man von einer primären lateinischen Partie und einer nachträglich eingeschobenen ›deutschen‹ Partie sprechen kann. Diese enthält insgesamt zehn Strophen bekannter Minnesänger, wobei in M keine Autorennennung vorliegt. Sieben dieser Strophen befinden sich in auffallender Nähe zueinander. Die Strophen tauchen in der Parallelüberlieferung unter den Namen Dietmar von Aist, Reinmar, Morungen, Walther, Botenlauben, Neidhart, Niune, Leuthold von Seven und Gedrut auf. Die deutsche Partie kann also »erst nach dem Bekanntwerden Walthers [...] und Neidharts, also in großer zeitlicher Nähe zur Handschrift selbst entstanden sein.« Lieder mit Natureingang (CB 132–161) und Refrainlieder (CB 179–185) werden zusammengestellt, sprachmischende Lieder finden sich v. a. am Ende der Partie (CB 149, 179, 184f., 218). Die Häufigkeit der Natureingänge in den deutschen Strophen ist wohl zeittypisch (vgl. Wachinger, S. 280–295). Lateinische und deutsche Liedteile spiegeln jeweils weitgehend die eigene literarische Tradition, bleiben der jeweiligen Liebeskonzeption des Eros bzw. der Hohen Minne verhaftet.  

Die Frage, ob den lateinischen oder den deutschen Liedstrophen Priorität zukommt, ist im Einzelfall ungeklärt. Man nimmt an, dass in der Mehrzahl der Lieder das lateinische Lied sekundär ist, dass es sich aber bei einzelnen Liedern (u. a. den Liedern mit Vagantenstrophen) umgekehrt verhält. Bei den elf Liedern mit anderweitig überlieferten deutschen Strophen sind die deutschen Strophen sicher primär. Tonentlehnungen sind also in beide Richtungen bezeugt (vgl. Wachinger, S. 277ff.). Ob die Reduktion auf eine deutsche Strophe erst eine Folge der Verschriftlichung ist, d. h. ob im Vortrag nur die erste zitathaft ›angesungen‹ wurde oder eventuell weitere Strophen folgten, lässt sich nicht beantworten. V. a. aber die Natureingänge sind kaum als Einzelstrophen vorstellbar. Da sieben der elf anderwärts überlieferten Strophen als Anfangsstrophen mehrstrophiger Lieder belegt sind, kann man – mit Blick auf die Natureingänge –  davon ausgehen, dass die deutschen Strophen in M Anfangsstrophen darstellen, wobei es Ausnahmen gibt. Die Funktion der deutschen Strophen als bloßes formales Muster, als Melodiegeber lässt sich bei den komplexen inhaltlichen Beziehungen ausschließen (vgl. Wachinger, S. 294). Sie dienten auch nicht als Zugeständnis an ein des Lateinischen nicht mächtiges Publikum, denn die Lieder zielten auf ein mehrsprachiges, gelehrtes Publikum. Die Gestaltung der Handschrift (die Größe der deutschen Stropheninitialen nimmt eine Mittelstellung zwischen Eingangs- und Stropheninitialen des lateinischen Liedteils ein) zeigt, dass die deutschen Strophen nicht als Zusatzstrophen anzusehen sind, sondern beides als Einheit rezipiert werden sollte. Die anzitierte deutsche Strophe gibt die kontrafazierte Vorlage des Lieds zu erkennen, wobei das Verhältnis der Liedteile parodistisch sein kann (z. B. CB 203) oder nicht. 

Für die Formanalyse der lateinischen Strophen innerhalb der einzelnen Liedkommentare wird das von Schaller entworfene Beschreibungssystem verwendet (vgl. Schaller, S. 9ff.). »Gezählt werden die Silben jedes Verses und jedes durch Zäsur abgetrennten Versteils. [...] Trägt die letzte Silbe Nebenton (z. B. cogitàt), folgt auf die Zahlangabe ein Akzent (')« (CB/V). Abweichend von Schaller markieren /, // und //R Strophenabschnitte. Die metrische Analyse ist durch senkrechten Doppelstrich (‖) von der Reimanalyse getrennt.

Theresa Höfle

Digitalisat; Wissenschaftliche Beschreibung; Handschriften­census; Forschungsliteratur zum Codex (BSB München)

Handschriften

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61r

Virent prata hiemata (Namenl/61r/2)

CB 151
[...]
68r

Hebet sydus leti visus (Namenl/68r)

CB 169
81r

Transiit nix et glacies spirante Favonio (Namenl/81r/2)

CB 113