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Rudolf von Rotenburg, ›Kunde ich geloben die frowen min‹ (C 1) Lied vorDruckerTEI Icon

Überlieferung

C Rotenb 1

Kommentar

Überlieferung: unikal in C.

Form: Vgl. Leichschema.

Der Text setzt sich ausschließlich aus kurzen, überwiegend auftaktigen Versen zusammen, wenn man die noch kürzeren, nur zweihebigen Reimabschnitte zu vier- bis sechshebigen binnengereimten Versen zusammenzieht. Für den Ansatz dieser Binnenreime sprechen, neben der Kürze der Verse bzw. Versteile, zum einen textinterne Symmetrien zwischen den verschiedenen Versikeln (bes. B und B1, vgl. auch E, F und I, außerdem G und H); zum anderen die Beobachtung, dass Rudolf von Rotenburg Leich VI nach demselben Schema komponiert, dabei aber den ersten Binnenreim in den C-Versikeln aufgibt. Im Einzelnen sind die Verse oft nachlässig gebaut (oder überliefert), die Alternation ist häufig nicht regelmäßig, die Auftaktgestaltung immer wieder inkonsequent (vgl. V. 10, 11, 12, 32, 63, 103; besonders variabel sind die Verse der F-Versikel). Eine Reihe kleinerer KLD-Konjekturen scheint darum bemüht zu sein, diese ›Defekte‹ zu beheben; sie sind nicht im Apparat nachgewiesen.

Der Leich erhält eine Grobgliederung durch den Wechsel von kompakt gebauten, zweiversigen Versikeln (B, B1; E, F, I) mit größeren Gruppen und Gruppenverbünden (A, C, D). Diese stechen auch durch größere Versikeltypen hervor, die an Umfang stetig zunehmen: C lässt sich als erweiternde Variation von A begreifen (beide dreiversig), während D, auch was die Reimstruktur betrifft (keine Reime über Versikelgrenzen hinaus), einen ganz eigenen Typus darstellt; er steht aber insofern mit AC in einer Reihe, als die Versikellänge nochmals steigt (fünf Verse).

Mit und nach der ersten D-Gruppe werden die Erwartungen an einen luziden Aufbau, die von der Folge AAAAAA / BBBB / CCCCCC / BBBB provoziert werden, mehr und mehr enttäuscht. Dies gilt zunächst für die ungerade (!) Anzahl der D-Versikel, dann für die Abfolge von E-, B- und F-Typen (ab V. 78), die auch insofern schillert, als die Versikel E und F dem B-Typus ähneln (zwei kreuzgereimte Kurzverse, nur leichte Abweichungen bei Kadenzen und Hebungszahlen). Gemeinsam bilden sie, wenn man so möchte, einen langen Steg, nach dem der Doppelversikel DD kurz den Anschein erweckt, als würde der Leich wieder in sein altes Muster finden; dann aber beginnt ein Stakkato an einzeiligen Versikeln (G und H), in denen Vers- und syntaktische Grenzen immer wieder auseinandertreten; dies ist zugleich der Grund dafür, dass die Zehnerfolge von G-Versikeln im Schema zu einer Gruppe gebündelt ist (und nicht zu fünf Doppelversikeln). Ein drastisches Schlusssignal dieses aufwühlenden Abschnitts setzt die Mischgruppe GH (V. 124f.), die das ›Gesetz‹ der paarigen Versikelwiederholung bricht, ehe der Leich mit zwei – wiederum B-ähnlichen – Doppelversikeln II ausklingt.

Insofern die B-Typen den Leich refrainartig strukturieren und damit strophenanaloge Einheiten abgrenzen, gehört der Leich dem Estampie-Typus an (Kuhn, S. 119-121).

Neben dem schon erwähnten sechsten Leich des Rotenburgers ist auch der zweite hinsichtlich seines Aufbaus eng mit dem ersten verwandt. Leich III und IV verwenden eine ähnliche Makrostruktur. Nur C Rotenb 5 geht ganz eigene Wege.

Inhalt: Minneleich. Die Pose des Sänger-Ichs ist jene der Hohen Minne; die inhaltliche Gliederung harmoniert weitgehend mit dem formalen Aufbau: Nach Dienstbekenntnis und Frauenpreis (A-Partie) wendet sich der Sänger gegen die Neider und artikuliert seine Hoffnung auf genâde (erste B-Partie; ab V. 13); ein Muster, das sich nun zweifach wiederholt: Frauenpreis und Dienstbekenntnis regieren die C- und D-Gruppen (ab V. 27 und 53), die eingeschalteten B- und B-artigen Gruppen (ab V. 45 und 78) reflektieren Sorge, Neider, unrechte Minne, Hoffnung, wenn auch die Grenzen nicht immer scharf gezogen sind (etwa wenn die Minneklage in den D-Teil verschleppt wird; V. 52–57).

So wie die Form, je länger der Leich geht, desto freier wird, so vermengen sich auch gedanklich zusehends diese beiden Bezirke – Frauenpreis und Dienst; Minneklage und Hemmnisse der Minne –, was zuerst und deutlich in der letzten D-Gruppe (ab V. 102) zutage tritt. Sie findet nicht zu Frauenpreis und Dienstbekenntnis zurück, sondern treibt die Schelte gegen die Hindernisse der (richtigen) Minne auf die Spitze. Mit der exaltierten Form der G- und H-Versikel korreliert wiederum, dass sich das Ich immer weiter vorwagt in sozusagen kühnen, hoffnungsvollen Gedanken an erfüllte Liebe. Sie werden gleichsam geerdet von den beiden abschließenden Doppelversikeln, die diese Hoffnung sowie das davon befeuerte, immerwährende Streben des Ichs (stæte) mit der (im Ganzen mehr behaupteten als durchgeführten) omnipräsenten Klage verbinden: Der Leich mündet argumentativ ins Freude-Leid-Paradoxon des Hohen Sangs.

Florian Kragl

Kommentar veröffentlicht am 06.04.2021.
Gehört zur Anthologie: Leich
 C Rotenb 1 = KLD 49 Leich IZitieren
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Große Heidelberger Liederhandschrift, Codex Manesse (Heidelberg, UB, cpg 848), fol. 54va
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