
Es gibt mehrere anonyme Lieder in der Handschrift. Die Angabe M (81r/2) bzw. M/81r/2 bezeichnet die Seite, auf der das Lied in der Handschrift beginnt.
Der Codex Buranus, benannt nach seinem neuzeitlichen Fundort Benediktbeuern, ist um 1230 an der südlichen Grenze des deutschen Sprachgebiets, im heutigen Südtirol, entstanden. Als Aufzeichnungsort der Handschrift ist am ehesten »ein Skriptorium der weltaufgeschlossenen Augustinerchorherren« vorstellbar, was Neustift bei Brixen wahrscheinlich macht (vgl. Steer, S. 35, Knapp, S. 134f.). Für das Kulturzentrum Trient argumentiert Drumbl, S. 354ff.
Die Handschrift ist großformatig, illustriert und teilweise neumiert. Mit zwei Ausnahmen sind alle Lieder anonym überliefert. An der Anfertigung waren hauptsächlich die Schreiber h¹ und h², an der Neumierung h¹ sowie weitere Hände (n¹–n5) beteiligt. Die meisten Korrekturen stammen von k¹, der um 1300 die Handschrift nochmals prüfte. Genaueres zur Beschreibung der Handschrift und Hände bei CB/HS, II,1, S. 1*–96*, Knapp, S. 129–140.
M ist die größte Sammlung weltlicher Lyrik des lateinischen Mittelalters (vgl. CB/V, S. 906). Sie stellt eine Kompilation aus Versatzstücken kleinerer und größerer Sammlungen dar, keine grundständige Sammlung einzelner, kursierender Lieder. Bis zum frühen 14. Jh. wurden Nachträge zur Handschrift hinzugefügt (vgl. CB/V, S. 902ff.). Sie stellt zugleich die »früheste schriftliche Sammlung deutscher Liedstrophen« dar (Kuhn, S. 91). Diese sind in M mit lateinischen Strophen kombiniert und bilden den Abschluss der lateinisch-deutschen Lieder. Weiteres deutsches Textmaterial bieten die allerdings spärlichen makkaronischen Lieder, bei denen Latein und Deutsch nicht strophen-, sondern (in etwa) versweise wechseln.
Die ursprüngliche Blattfolge des Kodex wurde von Meyer wieder hergestellt. Die Sammlung gliedert sich in 1. moralisch-satirische Dichtungen, 2. Liebeslieder, 3. Trink- und Spielerlieder und 4. geistliche Spiele. Die Hauptabschnitte lassen sich mit Wachinger weiter untergliedern in die Themenblöcke Lasterschelte (CB 1–13), Lehre für geistliche Fürsten (CB 14–40), politische Aktualisierung der Lehre (CB 41–55), Faszination und Gefahren der Liebe (CB 56–131), Liebeslieder aus deutschen Quellen (CB 132–186), Trink- und Spielerlieder (CB 187–226) sowie geistliche Dramen. Zur weiteren Feingliederung siehe CB/V, S. 906–909.
Man geht davon aus, dass die Sammlung sekundär um die Lieder mit deutschen Strophen ergänzt wurde, sodass man von einer primären lateinischen Partie und einer nachträglich eingeschobenen ›deutschen‹ Partie sprechen kann. Diese enthält insgesamt zehn Strophen bekannter Minnesänger, deren Namen in M freilich nicht genannt werden. Sieben dieser Strophen befinden sich in auffallender Nähe zueinander. Die Strophen tauchen in der Parallelüberlieferung unter den Namen Dietmar von Aist, Reinmar, Heinrich von Morungen, Walther, Otto von Botenlauben, Neidhart, Niune, Leuthold von Seven und Gedrut auf. Die deutsche Partie kann »erst nach dem Bekanntwerden Walthers [...] und Neidharts, also in großer zeitlicher Nähe zur Handschrift selbst entstanden sein.«
Innerhalb der deutschen Partie sind Lieder mit Natureingang (CB 132–161) und Refrainlieder (CB 179–185) offenbar gezielt zusammengestellt, makkaronische Lieder finden sich überwiegend am Ende des Abschnitts (CB 149, 179, 184f., 218). Die Vorliebe für Natureingänge in den deutschen Strophen ist wohl zeittypisch für das frühere bis mittlere 13. Jahrhundert (vgl. Wachinger, S. 280–295). Lateinische und deutsche Liedteile spiegeln häufig die je eigene literarische Tradition, bleiben also der jeweiligen Liebeskonzeption des Eros bzw. der Hohen Minne verhaftet, was fast durchwegs zu konzeptionellen Spannungen zwischen den lateinischen und deutschen Strophen führt.
Die Frage, ob den lateinischen oder den deutschen Liedstrophen Priorität zukommt, ist nicht in jedem Fall zu klären. Man nimmt an, dass in der Mehrzahl der Lieder das lateinische Lied sekundär ist, dass es sich aber bei einzelnen Liedern (u. a. den Liedern mit Vagantenstrophen) umgekehrt verhält. Bei den elf Liedern mit anderweitig überlieferten deutschen Strophen sind die deutschen Strophen sicher primär. Tonentlehnungen sind in beide Richtungen bezeugt (vgl. Wachinger, S. 277ff.).
Ob die Reduktion auf meist nur eine einzige deutsche Strophe erst eine Folge der Verschriftlichung ist, d. h. ob im Vortrag nur die erste zitathaft ›angesungen‹ wurde oder eventuell weitere Strophen folgten, lässt sich nicht beantworten. Insbesondere die Natureingänge sind als Einzelstrophen schwer vorstellbar. Da sieben der elf anderwärts überlieferten Strophen als Anfangsstrophen mehrstrophiger Lieder belegt sind, kann man – mit Blick auf die Natureingänge – wohl davon ausgehen, dass die deutschen Strophen in M auch sonst meist Anfangsstrophen darstellen.
Die Funktion der deutschen Strophen als bloßes formales Muster oder als Melodiegeber lässt sich in Anbetracht der komplexen inhaltlichen Beziehungen zwischen lateinischen und deutschen Strophen ausschließen (vgl. Wachinger, S. 294). Sie zielten auf ein mehrsprachiges, gelehrtes Publikum, das mit beiden literarischen Traditionen vertraut war. Das Verhältnis der Liedteile scheint nicht selten parodistisch zu sein (z. B. CB 203). Auch die Gestaltung der Handschrift signalisiert, dass die deutschen Strophen nicht als Zusatzstrophen anzusehen sind, sondern beides als Einheit rezipiert werden sollte: Die Größe der deutschen Stropheninitialen nimmt eine Mittelstellung ein zwischen Eingangs- und Stropheninitialen des lateinischen Liedteils.
Der LDM-Bestand der Lieder aus M umfasst nur die lateinisch-deutschen Mischtexte. Es handelt sich um insgesamt 54 Lieder, bei denen (wie gesagt) in den allermeisten Fällen auf eine Sequenz lateinischer Strophen eine, vereinzelt zwei deutsche Strophen folgen. Selten sind makkaronische Gebilde. Lateinische und deutsche Textteile sind gemäß den LDM-Prinzipien ediert, wobei jedoch die lateinischen Textpartien, anders als die deutschen, in keiner normalisierten Gestalt dargeboten werden. Beigegeben ist den lateinischen Strophen bzw. Versen eine sehr wortnahe neuhochdeutsche Übersetzung, die sich bei Bedarf als ausführliche Hilfestellung zum Text zuschalten lässt. Indem die Übersetzungen einige Eigenheiten der lateinischen Strophen und Verse, darunter nicht zuletzt Phänomene der Wortstellung, im Deutschen nachahmen, transportieren sie mitunter auch stilistische Charakteristika, ohne dass dies aber ein primäres Anliegen der Übertragung wäre.
Für die Formanalyse der lateinischen Strophen innerhalb der Liedkommentare wird das von Schaller entworfene Beschreibungssystem verwendet (vgl. Schaller, S. 9ff.), dessen sich auch Vollmann für seine vollständige Edition der Carmina Burana bedient: »Gezählt werden die Silben jedes Verses und jedes durch Zäsur abgetrennten Versteils. [...] Trägt die letzte Silbe Nebenton (z. B. cogitàt), steht nach der Zahlangabe ein Akzent (')« (CB/V). Abweichend von Schaller markieren /, // und //R Strophenabschnitte. Die metrische Analyse ist durch senkrechten Doppelstrich (‖) von der Reimanalyse getrennt. Die metrischen Angaben zu den deutschen Strophen hingegen folgen dem LDM-Usus.
Theresa Höfle / Florian Kragl
| Incipit |
Hs. | Strophen |
Editionen |
| M | (58v/1) 1 | CB 141 | |
| M | (60v/1) 1 | CB 148 |