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›Ich hore iu so vil der tugende jehen‹ (D Namenl/1r 256) DruckerTEI Icon

Kommentar

Überlieferung: Das vierstro­phige Lied ist in sieben Handschriften mit gleicher Strophenzahl und -reihung überliefert. In D bricht die unvollständige erste Strophe am Seitenende ab. Damit ist das Lied das am häufigsten tradierte Lied Walthers (und des Minnesangs). Obwohl der Textbestand insgesamt stabil ist und sich auch die Schlusspointe in IV,9 überall findet, differieren die einzelnen Strophen hinsichtlich des genauen Wortlautes teils so erheblich, dass von bewussten Überarbeitungen ausgegangen werden muss. Insgesamt scheint BC eine Überlieferungsgruppe zu bilden, die sich von der E-Fassung abgrenzen lässt. S weist zudem Einschläge des Mittelniederländischen auf, was teilweise zu Wortersetzungen (etwa S II,5) führt.

Form: .4a .5b / .4a .5b // 4*5c .6c .4d 4x .4d

Neunzeilige Stollen­stro­phen mit Waisenterzine im Abgesang. Teilweise setzt die Forschung auch eine zehnzeilige Form an und trennt V. 6 in zwei Teile – Ursache ist der in BC I,6 sich findende Zusatz selig frowe guͦt, der an V. 8 (bei einer zehnversigen Version) anreimt und durch den versucht wird »die Waisen durch Reimbindung zu eliminieren« (Kasten, S. 916). Insgesamt weist das metrische Schema teils erhebliche Abweichungen auf, einerseits durch Zusätze, andererseits durch freie Auftaktgestaltung. Besonders deutliche Abweichungen finden sich in den Eingangsversen von f III. Insgesamt kommt es in den Str. III und IV zudem insofern zu metrischen Änderungen, als nun der Abgesang der Form .4c .7c folgt. Die metrisch regelmäßigste Fassung findet sich in E.

Inhalt: Dialog.

Ein männliches und weibliches Sprecher-Ich sprechen strophenweise alternierend miteinander. Die Strophen sind eng verzahnt, in der jeweils folgenden Strophe werden die vorausgegangenen Gedanken und häufig auch die Wortwahl aufgegriffen (etwa C I,9 und C II,1), sodass der Eindruck eines wirklichen Gesprächs entsteht (in der Fassung C liegt in II,3f. sogar ein Sprecher-Wechsel innerhalb der Strophe vor). Der Inhalt ist stark didaktisch geprägt: Die beiden Sprecherinstanzen verhandeln gesellschaftlich-ethische Fragen. Dabei ordnet sich der Mann in der ersten Strophe der Frau unter und setzt sie in eine Lehrerposition, indem er einerseits sein eigenes Unwissen bekennt (nu bin ich tumb; C I,8), andererseits von der Frau einfordert, sie möge ihm die mâsse geben (C I,9). Hinter dieser Grundanlage steht die Vorstellung des Minnedienstes als eines Mittels der sittlichen Reifung des Mannes. Die Frau bekennt ihrerseits ihr Unwissen (nu bin ich doch tumber danne ir sit; C II,5), schlägt jedoch als eine Art Pakt eine gegenseitige Belehrung über das jeweils andere Geschlecht vor.

Neben der mâze als zentraler höfischer Tugend rückt in Str. III die stetekeit (C III,1), die der Mann als besonders wünschenswerte Eigenschaft der Frauen nennt, ins Zentrum der Betrachtung. Das männliche Sprecher-Ich evoziert dabei die Vorstellung eines Minne-locus amoenus, der eben nichts gegen die Schönheit einer tugendhaften Frau sei (C III,7).

In Str. IV erfüllt die Frau ihr Versprechen und gibt eine Art Handlungsanweisung für das männliche Verhalten. Der Mann solle in der Lage sein, übel und guot voneinander zu unterscheiden (vgl. dazu C Wa 214 et al.) und die bereits erwähnte mâze einzuhalten (vgl. Lied C Wa 159–163 et al.), die hier als ein Handeln weder nider noch ze ho (C IV,6) beschrieben wird. Diese viel zitierte Stelle hat die Forschung immer wieder genutzt, um daraus eine Didaxe des richtigen Werbens und Minnens abzuleiten. Allerdings variiert gerade dieser Vers in den verschiedenen Fassungen sehr stark.

Dass das Lied nicht zum trockenen didaktischen Lehrtext verkommt, liegt an den immer wieder eingestreuten persönlicheren Aussagen der beiden Sprecherinstanzen. So gesteht der Mann in III,8f. recht unumwunden seinen Kusswunsch, während die Frau in der letzten Strophe vor allem in den Fassungen EfO1S dem tugendhaft agierenden Mann die Belohnung in Aussicht stellt: der mac erwerben, swes er gert (E IV,7).

Nicht ganz leicht zu deuten ist das abschließende Bild, das in allen Fassungen als Pointe dient: Die Frau würde einem guten Mann keinen vaden versagen (C IV,8), da ein guter Mann guͦter siden wert (C IV,9) sei. Ist damit wohl vornehmlich die handarbeitliche Vorstellung aufgerufen, dass die Frau das Gewand für den geliebten Mann herstellt, so hat die Forschung (erstaunlich oft) die (scheinbare) Diskrepanz zwischen dem angeblich wertlosen Faden und dem edlen Seidengewand aufgerufen (vgl. bes. Kraus, S. 145 und Wallner).

Wohl eher kritisch zu sehen sind die Versuche der älteren Forschung, das Lied in einen biographischen Zusammenhang zu stellen (vgl. dazu Schweikle, S. 632).

Björn Reich

Kommentar veröffentlicht am 03.05.2024; zuletzt geändert am 06.05.2024.
Gehört zur Anthologie: Dialog- bzw. Gesprächslied
 D Namenl/1r 256 = L 43,9Zitieren
Digitalisat
Heidelberg, UB, cpg 350, fol. 40vb
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