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Reinmar, ›Ein wiser man vil dicke tuͦt‹ (A 49 50 51) Lied zurückDruckerTEI Icon

Kommentar

Überlieferung und Liedzusammenhang: Im Reinmar-Korpus in C sind elf Strophen eines Tons zusammen überliefert. Die ersten drei Strophen haben Parallelüberlieferungen im Reinmar-Korpus in A sowie im Rugge-Korpus in B; die siebte und achte Strophe finden sich ebenfalls im Rugge-Korpus in B, allerdings weiter vorne. Die achte Strophe ist zudem als Einzelstrophe im Rugge-Korpus in C überliefert. So sind die Überlieferungen eines drei­stro­phigen Liedes (B Rugge 15–17 et al.), eines zwei­stro­phigen (B Rugge 5f.) sowie einer Einzelstrophe (C Ruge 17) über den Strophenverbund C Reinm 163–173 miteinander verbunden.

Sowohl die Liedeinheit, die Strophenordnung als auch die Dichterzuschreibungen wurden in der Forschung verschiedentlich diskutiert (eine Übersicht geben MF/MT im Apparat). Paus, S. 141–144, etwa schlägt eine Unterteilung der elf C Reinm-Strophen in drei Lieder vor: I+II+III, VII+XI (als Wechsel Walthers?), IV+VIII+IX+X+V+VI. Als elf Einzel­stro­phen ediert sie MF/LH unter Rugge; auch in MF/MT stehen alle Strophen unter Rugge, obwohl C Reinm 166–168 sowie 171–173 hsl. nur für Reinmar bezeugt sind. Die unter Ton VII geführten Strophen folgen in ihrer Reihenfolge C Reinmar, sind jedoch voneinander abgesetzt in der Form: I+II+III, IV+V+VI, VII, VIII+IX+X, XI. Schweikle, S. 283f., erwägt einen Zusammenhang von B Rugge 15–17 mit B Rugge 11–14: Die Strophen B Rugge 11–14 schreibt er Rugge zu, die Strophen B Rugge 15–17 dagegen Reinmar, die Verbindung aller Strophen wiederum Rugge: »Rugge hat nun einmal die beiden Strophenreihen in der oben geschilderten Weise [mit B Rugge 15 als ›Interludium‹, S. H.] verknüpft« (S. 284).

Form: .4a .4b / .4a .4b // .4c .4c .4d .4x .4d

Es liegen neunversige, isometrische Stollen­stro­phen vor. In A I fehlt der letzte Vers, sodass der d-Reim gestört ist. Die Auftaktgebung kann variieren. Unterfüllt sind B Rugge 15, V. 8f.

Inhalt: Die Strophennummerierung im Folgenden folgt C Reinm. Die elf Strophen sind inhaltlich nur lose miteinander verbunden (am ehesten scheinen Str. I–III aufeinander Bezug zu nehmen). Die Register wechseln von leidvoller Minneklage zu hoffnungsvoller Minnefreude, aber auch die Rolle des eher gnomischen Didaktikers und Weltkritikers ist zu finden, wobei auffällt, dass die Perspektive eine diesseitige bleibt. Die letzte Strophe schließlich ist eine Frauenstrophe.

Str. I–III: Die ersten drei Strophen (in A Reinm / B Rugge ein drei­stro­phiges Lied) sind einerseits geprägt von der Klage über die Nichterhörung des Sprechers durch die Dame, andererseits von einem Frauenpreis: Als trauriger Tor stellt sich das Ich dem Weisen gegenüber, der nicht die Minne einer solchen Frau begehrt, die ihn abweist (vgl. Str. I). Würde der Sprecher ihre Zuneigung erwerben, würde er nicht mehr altern – das Zusammensein mit der Dame wird so als zeitlose Utopie inszeniert. Sie ist so tugendhaft, dass kein Mann (auch nicht der Sprecher) ihr angemessen ist. Wer sie verleumdet, ist voller Hass und Neid (vgl. Str. II). Er selbst spricht nur gut über sie. Der dritte Vers in Str. III lässt sich aber auch ironisch lesen: Nicht an den Verleumdungen hat der Sprecher keinen Anteil, sondern daran, dass die Dame vor Falschheit bewahrt wird – das muss die Dame selbst machen (vgl. zu dieser Lesart Paus, S. 91). Zu dieser ironischen Interpretation fügt sich der Schluss der Strophe, der trotz allgemeiner Formulierung einen Vorwurf an die Dame erkennen lässt: Dienst ohne Lohn anzunehmen ist eine verbreitete, aber unangemessene Sitte. Sollte den Sprecher eine so behandelt haben, solle sie sich (eines Besseren) besinnen.

Str. IV: Im gnomischen Duktus klagt der Sprecher über die boͤsen (IV,1), die nur die sich selbst Rühmenden ›krönen‹ und loben. Diese Sitte ist Anlass zur Klage für die guten Leute, zu denen sich der Sprecher mit seiner hier formulierten Klage zählt. Sein Liebesglück wird er ihnen verschweigen.

Str. V: Die Strophe ist geprägt vom Motiv der Fernminne, verbunden mit der freudigen Erwartung eines Treffens mit der Geliebten: Hoffnung auf ihre Gnade erfreut sein Herz. Viel Gutes hat er von ihr gehört; sehnsüchtig erwartet er den Tag, wo er sie sehen kann.

Str. VI: Verzweiflung bestimmt diese Strophe, in der der Sprecher die Dame anfleht, sich ihm gegenüber gnädig zu zeigen, seine Sehnsucht zu stillen und sein Leid zu beenden.

Str. VII: Ähnlich wie Strophe V ist auch hier das Motiv der Fernminne dominierend, allerdings ist die Perspektive eine andere: Nicht das Kennenlernen der Dame in der Ferne ist Gegenstand sehnsuchtsvoller Hoffnung, sondern der Sprecher beklagt, Freunden gefolgt zu sein und seine Dame zurückgelassen zu haben. Sie leidet an der Trennung (vgl. möglicherweise Str. XI), was wiederum ihm Leid zufügt und ihn sie sehnsuchtsvoll preisen lässt.

Str. VIII: Wahre Freude will er loben; denjenigen, der daz beste gerne tuͦt (V. 6) (Freude und Moral werden überblendet), will er ›auf Händen tragen‹. Auf einer poetologischen Ebene wird das Ideal eines fröhlichen und freudebringenden Sanges skizziert (vgl. Rudolph, S. 153). Die Strophe kann als Frauenstrophe gesehen werden (und damit B Rugge 5 6 als zwei­stro­phiger Wechsel), wie etwa bei Boll, S. 323.

Str. IX: Wie in der Strophe zuvor ist auch hier das Thema nicht Minnesang-spezifisch: Der Sprecher beteuert, sich angemessen verhalten zu haben. Wie ein Tor folgt er den Regeln der Welt. Doch ist sein Wohlergehen abhängig von den Leuten, deren Urteil nicht sicher ist. Mit wan (IX,3) wird ein minnesangspezifischer Terminus aufgerufen, der eine Lesart im Minnekontext nahelegt: Welt und Minnedame werden als Ziele des Dienstes überblendet.

Str. X: Sich wieder eindeutig im Minnekontext bewegend, preist der Sprecher seine Freude und die Freudenspenderin.

Str. XI: Frauenstrophe, in der das weibliche Ich ihre Sehnsucht nach ihrem Geliebten ausdrückt. Sie hat von ihm gehört (Fernminne), nie einen gesehen, der ihr besser gefiel, und fordert Lohn für ihren beständigen Dienst.

Sandra Hofert

Kommentar veröffentlicht am 26.02.2022.
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