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Reinmar, ›Diu welt wil mit grimme zergan nu vil schiere‹ (A 56 57 58) DruckerTEI Icon

Kommentar

Überlieferung: Das drei­stro­phige Lied ist in BC im Rugge-Korpus, in A im Reinmar-Korpus überliefert. Die Überlieferungen in B und C variieren minimal (am deutlichsten vielleicht in I,6, wo nur C einen Binnenreim führt). Die Strophen in A zeigen größere Abweichungen im Wortbestand und in der Wortreihenfolge; auffällig sind etwa der verderbte Vers in A I,7 und die starke Unterfüllung von A II,5.

Form: .4-a .4b / 4-a 4b // 4c .2-d+.2-d .4c

Es liegen siebenversige Stollen­stro­phen vor. Der Rhythmus ist daktylisch, wird allerdings stellenweise von alternierender Lesung durchbrochen (etwa in I,7; II,1f.; II,4). In MF/LH wird V. 6 in zwei Kurzverse geteilt. In der vorliegenden Edition wird dagegen von Isometrie ausgegangen, wobei die Hebungsaufteilung des binnengereimten Verses variiert: In Str. I führt nur C Binnenreime, wobei der sechste Vers die Form zeigt .3-d+.1-d+.1-x. In AB I ist V. 6 eine Waise. In Str. II ist in C der zweite Versteil von V. 6 nur einhebig. In Str. III beginnt in BC der zweite Teil von V. 6 ohne Auftakt; in ABC ist mit dri/drie eine zusätzliche Assonanz zu finden. Zudem ist der a-Reim in allen drei Überlieferungszeugen in der dritten Strophe männlich.

Daktylisch-regelmäßiger laufen A I,2 und III,4. Auftakt in II,5. Kein Auftakt in III,1. Unterfüllt ist A II,5.

Die formalen Irregularitäten, zusammen mit inhaltlichen Irritationsmomenten, deutet Ashcroft als »poetologisches Spiel mit den Erwartungen, die der Rezipient ihm [dem Text, S. H.] entgegenbringt« (S. 129).

Inhalt: Gnomische Gegenwartsschelte mit Frauenpreis.

Str. I: Die Welt wird mit grimme (I,1) zugrunde gehen. Der Sprecher richtet sich gegen die Spötter, die die Fröhlichen schelten. Gegen ihn jedoch erhebt sich ein anderer Vorwurf: der des Nicht-Singens.

Str. II: Das Thema der Freudlosigkeit aufgreifend, konstatiert die zweite Strophe die allgemeine Freudlosigkeit der Welt. Ursache dieses allgemeinen Jammers ist die Tugendlosigkeit der Juden und Christen, insbesondere ihre Gier nach irdischen Gütern. Schließlich bezieht sich der Sänger auf eine weitere klagende Instanz in dieser als freudlos charakterisierten Welt: die Frauen, die darüber klagen, dass keiner ihnen mehr in angemessener Weise dienen würde.

Str. III: Die am Ende der zweiten Strophe aufgerufene Minnethematik wird weitergeführt: Die Frauen scheinen von dem allgemeinen Verfall der Welt ausgenommen zu sein. Auf eine, die niht rehte gemuͦt (III,5) ist, kommen drei oder vier tugendhafte Damen. Anders als die Spötter in Str. I die Fröhlichen verspotten, möchte der Sprecher das Leid der Frauen niemals verlachen.

So wird in dem Lied das Streben nach irdischen Gütern als falsches Streben dem Werben um eine Dame im Minnedienst gegenübergestellt. Gleichzeitig wird im Sprecher die Freudlosigkeit des Minnesängers mit dem Leid an der allgemeinen Verfallenheit der Welt überblendet. Ihm gegenüber stehen die gierigen und freudlosen Spötter, die seine Kunst nicht (an)erkennen.

Sandra Hofert

Kommentar veröffentlicht am 26.02.2022.
Gehört zur Anthologie: Sangspruchhaftes
 A Reinm 56 = MF 108,22Zitieren
Digitalisat
Kleine Heidelberger Liederhandschrift (Heidelberg, UB, cpg 357), fol. 4r
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 A Reinm 57 = MF 108,30Zitieren
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Kleine Heidelberger Liederhandschrift (Heidelberg, UB, cpg 357), fol. 4r
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 II
 
 A Reinm 58 = MF 109,1Zitieren
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 III
 
 
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